Freitag, 4. September 2015

Passivhausplanung, eine Aufgabe für Architekten?


Passivhausplanung, eine Aufgabe für Architekten?

Wikipedia lehrt uns: Der Beruf des Architekten ist traditionell generalistisch - der Architekt (der Erste, der Führer, der Tektoi der Bauleute, Oberster Handwerker, Baukünstler, Baumeister‘) befasst sich mit der technischen, wirtschaftlichen, funktionalen und gestalterischen Planung und Errichtung von Gebäuden und Bauwerken vorwiegend des Hochbaues. Seine Kernkompetenz ist das über das Bauen hinausgehende Schaffen von Architektur. Das Berufsbild des Architekten ist nicht eindeutig definier- und abgrenzbar, länderweise verschieden und ständig in Bewegung. Die Spannweite der Tätigkeitsbereiche reicht von der „Baukunst“, die sich dem Entwurf und der Architekturtheorie widmet, über Ingenieurtätigkeiten und das technische Entwerfen von Gebäuden bis hin zur Bauleitung, bei der Bauplanung und -ausführung koordiniert werden und deren Augenmerk vor allem auf Terminen, Qualität und Baukosten liegt.

 Schaut man kritisch auf das heute praktizierte Berufsbild, dann ist da keine Spur von Generalismus mehr zu finden. Abgesehen von der Tatsache, dass Städtebau-, Landschafts-, Innen- und Hochbauarchitektur sich mittlerweile zu sebstständigen Spielwiesen entwickelt haben, sind auch Aspekte wie Haustechnik, Statik, Licht, etc. zu Disziplinen gereift, deren Verantwortlichkeit gerne bei Ingenieurkollegen gesehen wird.

 Und als wäre das Ganze nicht schon kompliziert genug, gibt es da noch das Kyoto-Protokoll und die aus zahlreichen Nachfolgevereinbarungen definierte Absichtserklärung des energieeffizienten Bauens unserer Bundesregierung. Unser Gebäude sollen also nicht nur zukunftsfähige Städte bilden, hübsch und preiswert sein, funktional und altersgerecht, gestalterisch wertvoll und flexibel – nein, unsere Gebäude müssen jetzt auch noch das Klima retten!

Angesichts glaubhafter Belege werden 40% des CO2 aus gebauter Umwelt emittiert.

Damit dürfte klar sein was Planer zukünftig „noch“ werden leisten müssen.

Energieeffizienz und Nachhaltigkeit sind folglich nicht nur Schlagworte mit guten Aussichten zum Unwort des Jahres gekürt zu werden, sie sind auch und vor allem die inhaltliche Basis ökologischen Bauens – einer Bauweise, die Ressourcenverbrauch und Schadstoffbilanzierung bei Entscheidungen hochrangig mitbewertet.

Aber wer ist denn nun zuständig für „die Energieeffizienz“?

Als Generalist ist „der Architekt“ in der Pflicht – soviel ist klar. Erlebt man diese Themen jedoch als „störendes Beiwerk“ oder gar als contraproduktive Forderung - da vielleicht die hochwertige Architektur „überdacht“ werden muß -  dann wird man leicht Argumente finden, dass Energieeffizienz natürlich ein Thema für Fachingenieure ist. Damit wird die Kluft der widerstreitenden Interessen mit Sicherheit nicht kleiner und die Findung von ganzheitlichen Lösungen nicht einfacher werden.

Wir können es drehen und wenden wie wir wollen, der Architekt ist in der Pflicht!

Er ist nicht nur erster Ansprechpartner des Bauherrn, sondern es ist auch seine originäre Aufgabe die am Bau Beteiligten zu koordinieren – so steht es auch in der HOAI. Und wie soll er denn koordinieren wenn er keine Ahnung hat?

Bleibt nur noch die Frage zu klären: Was bedeutet denn eigentlich Energieeffizienz beim Bauen und Sanieren?

Um es nicht zu kompliziert zu machen, sei eine vereinfachte Darstellung erlaubt.

Bauen beginnt mit der Produktion, der Lagerung und dem Transport von Werkstoffen und Bauteilen. Dann kommt was man im eigentlichen Wortsinn „Bauen“ nennt, nämlich das Zusammenfügen produzierter und gelieferter Materialien zum fertigen Gebäude. Darauf folgt die Zeit der Nutzung, Instandhaltung und ggf. des Umbaus und am Ende steht die selten sinnvoll in Betracht gezogene Entsorgung in Form von Recycling oder Deponie.

Wir haben es folglich mit 4 unterschiedlichen Phasen und Anforderungen zu tun, wenn wir die Frage der Energieeffizienz ernsthaft definieren und beleuchten wollen.

Phase 1 – Produktion und Transport

Die Energiebilanz dieser Phase hängt von den zur Verwendung kommenden Materialien und den notwendigen Transportwegen ab. Diese sind nur in den seltensten Fällen durch die Preisbildung in Angeboten abgedeckt oder widergespiegelt. Nicht selten werden Materialien, unabhängig von Ihrem Produktions- und Verwendungsort über feste Preislisten angeboten. Ähnliches kann bei Personal- und Maschineneinsatz vorkommen. Auch hier wird die Entfernung zur Baustelle nicht immer im Sinne der Energieeffizienz im Angebot kalkuliert.

Es ist also Aufgabe des Architekten, bei der Ausschreibung darauf zu achten und zu entscheiden welche Materialien zum Einsatz kommen und wer diese verarbeitet.

Phase 2 – das Bauen

Ein Passivhaus ist nicht automatisch die Antwort auf alle Fragen der Nachhaltigkeit, aber es ist objektiv die Antwort auf Energieeffizienz. Insofern muß der Architekt der Zukunft in der Lage sein, nach dem Passivhausstandard planen zu können und Gebäude zu erstellen, welche die Grenzwerte eines Passivhauses nach Passivhausinstitut Dr. Wolfgang Feist (PHI) einhalten.

Phase 3 – Nutzung, Instandhaltung und Umbau

Die Nutzung hängt von Nutzer ab. Aber der Nutzer kann nur nutzen was er bekommt. Damit ist geklärt, wer für die Qualität des „Nutzobjektes“ und die Aufklärung über die Nutzbarkeit zuständig ist – der Architekt natürlich.

Energieeffizienz ergibt sich nicht von selbst, aber erst durch ein gutes Gebäude erhält der Nutzer die Chance die Nutzung auch energieeffizient zu gestalten. Das gilt auch und vor allem bei Nutzungsänderungen.

Phase 4 – Entsorgung

Schon heute sind zahlreiche ungenutzte und leergeräumte Gebäude Teil unserer gebauten Umwelt. Der Grund dafür sind die hohen Entsorgungskosten. Abbruch und Deponie von Bauschutt ist auf Grund der üblichen Zusammensetzung teuer und wird mit fehlenden Deponieflächen immer teurer werden. Ein wesentlicher zusätzlicher  Planungsauftrag ist damit klar definiert. Gebäude der Zukunft müssen recyclebar und deponiefähig sein. Deshalb ist es unzulässig, durch den Einsatz ungeeigneter Materialen,  unsere Gebäude weiterhin als Sondermüllzwischendeponie zu nutzen ohne den Besitzer mit den Konsequenzen zu konfrontieren.

Ohne die anderen Phasen aus dem Feld der Betrachtungen ausklammern zu wollen, bleibt die zentrale Frage: wer ist für die Energieeffizienz beim Bauen zuständig und ist der Architekt „der Passivhausplaner“. Die Antwort könnte gefunden werden, wenn man die Betrachtungsweise wie folgt umformuliert: Die zusätzlich zu erfüllenden Planungsanforderungen bei einem Passivhaus finden in zwei Bereichen statt
 
- Gebäudehülle und Haustechnik.

Beide Bereiche sind jedoch eng miteinander verknüpft und beeinflussen sich gegeneinander. Da der Architekt zweifelsfrei „der Meister“ der Gebäudehülle zu sein hat, muß er zumindest insoweit über die haustechnischen Belange der Passivhausplanung Bescheid wissen, wie es das sinnvolle Zusammenwirken erfordert. Die eigentliche Planung der Haustechnik verbleibt folglich weiterhin beim Fachplaner. Die grundsätzlichen Entscheidungen über diese Technik fällt aber der Architekt. Ebenso ist er zuständig für die Berechnung der Energetischen Faktoren, also der PHPP. Damit entscheidet der Architekt welche Stellschrauben zu drehen sind um maximale Energieeffizienz bei sinnvollem Investitionseinsatz zu bekommen. Er ist es auch der die Kostenkontrolle über das Gesamtprojekt betreut und damit in der Verantwortung steht für die richtige Verteilung und effizienten Einsatz der Kosten. Nur so können die notwendigen Mehrinvestitionen eines Passivhauses wirtschaftlich sein.

Das Berufsbild eines Passivhausarchitekten ist damit um einiges komplexer als das eines Architekten ohnehin schon ist. Damit ist auch klar, dass ein „normaler“ Architekt nicht der richtige Ansprechpartner für die Planung eines Passivhauses sein kann.

Nun gibt es grundsätzlich zwei Wege Passivhaus-Architekt zu werden.

Der wohl bekannteste ist verantwortlich ein „qualitätsgeprüftes Passivhaus“ geplant zu haben. Danach kann man beim PHI ein Zertifikat als Passivhausplaner beantragen. Zusätzlich gibt es seit einigen Jahren die Ausbildung zum Passivhausplaner mit anschließender Prüfung. Nach deren Bestehen darf man sich, je nach dem welche Berufsausbildung man besitzt, entweder Passivhausplaner oder Passivhausberater nennen.

Ob diese Zusatzausbildungen jedoch jeden Architekten ausreichend befähigt kostengünstig und funktionierende Passivhäuser zu bauen, möge ebenso dahin gestellt bleiben wie die Frage ob die einmalige Planung eines zertifizierten Gebäudes ausreichen kann. Zwar haben die erteilten Zertifikate ein Verfallsdatum und indizieren somit Planer als ausreichend qualifiziert nur dann wenn eine regelmäßige Beschäftigung mit dem Thema stattfindet, aber angesichts der Tatsache das wir im Sinne der Emissionsminderung in Zukunft alle Neubauten in Passivhausqualität erstellen werden müssen, stellt ein Zertifikat alleine die ausreichende Qualität möglicherweise nicht sicher. Die Anforderungen nach Passivhausqualität gibt es mittlerweile in fast allen Bereichen des Bauens. Das bedeutet dass nicht nur Wohngebäude, sondern auch sehr komplexe Nutzungsformen wie Schulen, Sportstätten, Produktionsgebäude, Schwimmbäder und mittlerweile sogar Kliniken in Passivhausqualität geplant werden. Um für alle zukünftigen Passivhaus-Bauten die notwendige Planungsqualität zu besitzen, können die derzeitigen Voraussetzungen zur Erlangung des Zertifikates als Passivhausplaner nur Grundanforderungen abdecken. Die Komplexität der Planungsaufgaben bei einem Passivhaus erfordert insofern eine gründliche theoretische Ausbildung, gepaart mit einer permanenten Weiterbildung ergänzt durch die praktische Umsetzung. Ohne diese drei Säulen an Zusatzerfahrung wird ein Architekt nicht als Passivhausarchitekt erfolgreich die Ziele seiner Kunden umsetzen können.

Natürlich ist und bleibt es auch weiterhin Aufgabe des Bauherrn oder seiner Vertreter die richtigen Partner für das geplante Bauvorhaben zusammenzustellen, aber es ist Aufgabe des Architekten die Herausforderung der Zukunft zu erkennen und sein Angebotsportfolio entsprechend anzupassen.

Die hierfür notwendige Aus- und Weiterbildung wird von einigen Bildungsträgern angeboten. Zusätzlich kann die Mitarbeit in entsprechenden Netzwerken, wie z.B. der Organisation ProPassivhaus e.V. (PPH) eine wertvolle Informationsquelle darstellen.

Die wichtigste Erkenntnis noch einmal zusammengefaßt bedeutet, dass die Architektenleistungen für ein qualitätsvolles Passivhaus mit bisherigen Kenntnissen aus Studium und Beruf nicht geplant werden kann. Das zusätzliche Leistungsbild ist auch nicht in der Gebührenordnung der Architekten abgebildet, aber die Planungsverantwortung obliegt eindeutig dem Architekten. Das bedeutet ebenso Chance wie Herausforderung.  
 

Roland Matzig – zertifizierter PassivhausPlaner